VfL-Flensburg 070

Schwere Auswärtsfahrt kurz vor Weihnachten

Bei Namen SG Flensburg-Handewitt zucken viele VfL-Fans sicherlich zusammen. Da war doch mal was, oder innerhalb von zwei Wochen sogar zweimal: Tatsächlich gastierte der amtierende DHB-Pokalsieger im Oktober zweimal in der SCHWALBE arena - und kehrte mit zwei Kantersiegen heim an die dänische Grenze. Zunächst entführten die Schützlinge von Trainer Ljubomir Vranjes im Bundesligaspiel mit ihrem 32:25-Sieg beide Punkte aus dem Oberbergischen, um dann am 28. Oktober im DHB-Achtelfinale mit 36:19 einen Kantersieg zu landen. Zugegeben, in diesem Pokalspiel musste VfL-Cheftrainer Emir Kurtagic auf ein halbes Dutzend Leistungsträger verzichten, was die desolate Vorstellung der VfL-Truppe aber nicht entschuldigen konnte.

Und nach diesem Debakel schrillten in der Tat rund um die SCHWALBE arena die Alarmglocken. Aber zum Glück behielten die VfL-Verantwortlichen um Geschäftsführer Frank Flatten und auch Trainer Emir Kurtagic die Ruhe, hauten nicht auf die total verunsicherte VfL-Mannschaft ein, sondern stärkten ihr den Rücken und appellierten an die Verantwortung aller Spieler. Und das mit Erfolg: Denn, was selbst die größten Optimisten nicht für möglich gehalten hätten, trat ein: Nur drei Tage später besiegte der VfL in einem begeisternden Spiel den hoch gehandelten und als klarer Favorit angereisten Altmeister Frisch Auf! Göppingen. Dieser Sieg war überhaupt der Start zu einer kleinen Serie von fünf Siegen (bei nur einer unglücklichen Niederlage bei den Füchsen Berlin), die den VfL nach Abschluss der Hinrunde mit 18:16 auf den 9. Tabellenplatz klettern ließ.

Zwar folgte zum Rückrundenstart gegen den MT Melsungen eine (am Ende unnötige) 26:27-Niederlage, aber auch mit einem ausgeglichenen Punktekonto liegt die Kurtagic-Truppe immer noch im Soll, zumal der VfL – im Gegensatz zur Vorsaison – in diesem Jahr schon arg vom Verletzungspech verfolgt war. Nun, in der letzten Partie vor dem Weihnachtsfest ist wohl kaum mit einer Bescherung – sprich zwei Punkte – zu rechnen, denn in der Flens-Arena in Flensburg tritt unsere Mannschaft natürlich – und nicht nur wegen der beiden letzten Ergebnisse – als krasser Außenseiter an.

Kein Wunder also, dass Trainer Emir Kurtagic nach den zuletzt heftigen Niederlagen keine Kampfansage ausgibt. „Wir wollen in Flensburg ein gutes Spiel machen“, so der kurze Kommentar vor der Reise in den hohen Norden. Man möchte sich also rehabilitieren, und der VfL hat ja in der Vergangenheit bewiesen, dass sie auswärts zu mehr als respektablen Leistungen in der Lage ist. Personell wird sich die Lage in den letzten beiden Spiel des Jahres kaum verändert. Kapitän Christoph Schindler, bei dem man 2015 als verletzungsbedingtes „Seuchenjahr“ bezeichnen kann, wird nicht spielen können, und auch Mark Bult quält noch eine Schulterverletzung, wobei gerade die Erfahrung dieser beiden Spiele der jungen VfL-Truppe sehr gut zu Gesicht stehen würde.

Die SG Flensburg ist als Tabellendritter (29:7) neben dem THW Kiel (30:6) der einzige Verfolger von Herbstmeister Rhein-Neckar-Löwen (34:2) mit dem klaren Ziel, im Titelkampf noch ein Wörtchen mitreden zu können (und zu wollen). Dies unterstrich die Vranjes-Truppe auch am vergangenen Sonntag bei den Füchsen Berlin, als sie diese schwere Auswärtshürde mit 27:26 erfolgreich nahm. Dabei waren der achtfache Torschütze Holger Glandorf und der Däne Rasmus Lauge-Schmidt (6) die Sieggaranten für Flensburg, aber auch der junge Petar Djordijic (4) zeigte, dass er nach seinen zwei Kreuzbandrissen langsam wieder auf dem Weg zu seiner alten Torgefährlichkeit ist.

Mussten die Flensburger in Berlin auch bis zur Schlusssekunde um den knappen, aber verdienten Sieg zittern, zeigten sich am vergangenen Mittwoch dagegen eine bärenstarke Leistung, die die gesamte Bundesliga aufhorchen ließ. Am schleswig-holsteinischen Dauerrivalen THW Kiel trumpfte die SG im DHB-Viertelfinale ganz groß auf und ließ den Kieler „Zebras“ beim souveränen 34:27 (18:15)-Sieg nicht den Hauch einer Chance. Neben Torhüter Matthias Andersson, der eine echte Weltklasseleistung ablieferte, waren es vor allem Holger Glandorf und Rechtsaußen Lasse Svan, die beide mit 9 Feldtoren erfolgreichste Werfer waren, die den ersten Flensburger Sieg in der Kieler Sparkassen-Arena nach einer „gefühlten Ewigkeit“ sicherstellten.

In der Bundesliga-Torschützenliste nehmen mit Linksaußen Anders Eggert, Holger Glandorf und Lasse Svan drei SG-Akteure Spitzenplätze ein, aber ein Blick auf den Mannschaftskader zeigt, dass Trainer Vranjes praktisch auf jeder Position zwei Weltklasseakteure zur Verfügung hat. Allein im Rückraum mit Glandorf, Lauge-Schmidt, Djordic, Spielmacher Thomas Mogensen, dem Ex-Gummersbacher Kentin Mahe, Jim Gottfridsson, Michael Nicolaisen und Johan Jakobsson ist die SG so stark wie wohl kaum ein anderer Bundesligist besetzt. Aber mit Anders Eggert/Hampus Wanne (Linksaußen) und Lasse Svan/Bogdan Radivojevic (Rechtsaußen) hat die SG eine doppelt besetzte Flügelzange, die vor allem für ihre gefürchteten Tempogegenstöße bekannt ist.

Und über einen Matthias Andersson braucht man wahrlich kein großes Wort zu verlieren, denn er hat in der Vergangenheit unsere Angreifer schon oft schier zur Verzweiflung gebracht. Und selbst am Kreis, zwischenzeitlich mal nach den Verletzungen von Jacob Heinl und Anders Zachariassen eine Art Sorgenposition bei der SG, ist nach der kurzfristigen Verpflichtung des Kroaten Kresimir Kozina und dem Ex-Hamburger Henrik Toft-Hansen inzwischen wieder mit zwei Klassenleuten besetzt. Also, die Devise für den VfL kann bei realistischer Betrachtung nur heißen: Die erwartete Niederlage in Grenzen zu halten – und das 19:36-Pokaldebakel sollte diesbezüglich Motivation genug sein.

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