interview_flatten

Interview mit Frank Flatten

In der neuen Ausgabe der Handballwoche spricht Manager Frank Flatten über zu große Belastungen und zu wenig Solidarität.

Herr Flatten, in den letzten Wochen wurden speziell von Vertretern des THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt mehr Solidarität der Bundesliga mit den Top-Clubs gefordert. Ziehen Sie sich diesen Schuh an?

Frank Flatten: Was mich im Augenblick etwas ärgert, ist die Stimmung in der Liga, die maßgeblich unter anderem von den Top-Clubs gemacht wird. Da kehren Spieler der Nationalmannschaft den Rücken, weil die Belastung zu hoch ist. Als Begründung wird teilweise der fehlende 16er-Kader angeführt, der von der Liga abgelehnt wurde – im Übrigen, so möchte ich erinnern, mit großer Mehrheit der 38 Bundesliga-Vertreter.  Das ist mir zu einfach. Und wenn man uns fehlende Solidarität abspricht, dann kann ich nur sagen, dass wir uns seit Jahren gerade gegenüber den Clubs, die in der Champions League spielen, solidarisch verhalten.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja, ein ganz aktuelles sogar. Wir müssen an einem Mittwochabend gegen den amtierenden Deutschen Meister spielen, was uns 800 Zuschauer gekostet hat, denn samstags wäre das Spiel ausverkauft gewesen. Warum? Weil die EHF mit Rücksicht auf die Fernsehverträge kein Interesse daran hat, dass die Champions-League-Spiele in der Woche stattfinden. Dies hat uns eine mittlere fünfstellige Summe gekostet. In Berlin waren es sogar 1500 Zuschauer, die fehlten.

 Fakt ist aber, dass gerade die Belastungen der Topspieler durch Bundesliga, Pokal, Champions League und Nationalmannschaft extrem hoch sind. Was sagen Sie dazu?

Das ist unbestritten, aber die Mehrbelastungen sind ausschließlich der Champions League geschuldet. Tut mir leid, aber bisher habe ich kaum Kritik von den Champions-League-Teilnehmern an dem unsinnigen Modus mit 14 Gruppenspielen gelesen. Und in dem Zusammenhang darf ich nur daran erinnern, dass zum Beispiel der THW in der vergangenen Saison Zusatzeinnahmen in siebenstelliger Höhe aus der Champions League akquiriert requiriert hat. Da frage ich mich schon, wer ist mit wem solidarisch. Was mir fehlt, ist die Solidarität der Champions-League-Teilnehmer mit der Liga, und ich meine, dass auch andere Mal etwas zurückstecken müssen.

Aber Tatsache ist doch auch, dass die deutschen Vertreter in der Champions League gegenüber Vereinen aus Spanien, Ungarn und Polen benachteiligt sind, weil die Clubs in ihren dortigen Ligen nicht so gefordert werden wie in der HBL.

Wir haben in Deutschland zum Glück eine spielstarke 1. Liga mit einer gesunden Konkurrenz und auch eine gut funktionierende 2. Liga. Darum beneiden uns im Übrigen viele Länder wie zum Beispiel die von Ihnen aufgezählten Länder. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, die Ausgeglichenheit der Liga zu schützen und zu erhalten. Deshalb dürfen nicht zu viele Topspieler in die Topvereine, denn im Interesse der Liga – und auch der Nationalmannschaft – liegt es ja, dass die Spieler auch ihre entsprechenden Spielanteile erhalten. Und ich meine, dass auch andere etwas zurückstecken müssen.

In welcher Beziehung?

Da wären wir wieder bei dem von der HBL abgelehnten Antrag, den Kader von 14 auf 16 Spieler zu erhöhen. Wenn dieser Antrag durchgekommen wäre, dann hätte dies die Konzentration der Spitzenspieler bei den Topvereinen noch forciert, was eindeutig zu Lasten der Qualität der gesamten Liga gehen würde. Was ich außerdem nicht verstehe, dass dieser Antrag seit mindestens fünf Jahren immer wieder aus einer bestimmten Ecke gestellt wird. Man will offensichtlich das Thema nun öffentlich hoch halten – was für mich eine üble Stimmungsmache ist.

Was würden Sie denn einem Trainer eines Champions-League-Teilnehmers raten?

Jeder Verein und auch jeder Trainer hat natürlich eine soziale Verantwortung gegenüber seinen Spielern. Und dazu gehört auch ein rollierendes System, um die Einsätze der Spieler zu dosieren, wie es ja zum Beispiel im Fußball praktiziert wird. Aber im Handball beobachte ich ja sogar, dass selbst Champions-League-Teilnehmer in Bundesligaspielen manchmal nur elf oder zwölf Spieler einsetzen. Da frage ich mich, wo ist da die Logik, den Kader auf 16 zu erhöhen?

Gibt es Ihrer Meinung andere Möglichkeiten, gerade die Belastungen der Topspieler etwas zu reduzieren?

Der direkte Vergleich bei Punktegleichheit wäre eine gute Möglichkeit. Mit dem direkten Vergleich, der übrigens bei allen internationalen Turnieren der IHF und EHF gilt, brauchten die Top-Clubs nicht in jedem Spiel auf Torejagd gehen und könnten gerade ihre Leistungsträger öfters schonen. Deshalb kann ich es bis heute noch nicht verstehen, warum dieser Antrag nur von den Rhein-Neckar-Löwen unterstützt wurde, aber nicht vehement von Kiel und Flensburg.

Tragen die internationalen Verbände nicht auch eine Schuld an der großen Belastung der Topspieler?

Ohne Zweifel. Ich vermag es nämlich überhaupt nicht einzusehen, dass jedes Jahr eine Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft gespielt werden muss. Ich denke, alle zwei Jahre würden auch reichen, zumal alle vier Jahre mit den Olympischen Spielen noch ein weiteres internationales Turnier hinzukommt. Wenn wir von Terminflut reden, dann müsste man hier ansetzen, aber das ist kein nationales sondern ein internationales Problem. Weniger ist manchmal auch mehr.

Was halten Sie von der ebenfalls oft diskutierten Reduzierung der HBL von 18 auf 16 Vereine?

Ganz klare Antwort: gar nichts. Die Liga braucht 18 Vereine, denn die Zuschauereinnahmen aus diesen beiden Spielen sind für die Vereine überlebenswichtig. Die Überlastung der Spieler kommt nicht durch die Bundesliga sondern ausschließlich durch den unsinnigen Modus der Champions League. Im Übrigen sollten auch Top-Vereine bedenken, dass die Liga ihnen bei 17 Spielen eine ausverkaufte Halle beschert.

Abschließende Frage: Wenn Sie einen Wunsch an die HBL und die internationalen Verbände frei hätten, wie hieß der?

Ich würde mir – wie im Fußball – für die Liga einen einheitlichen Spielplan am Wochenende wünschen. Dann hätte die HBL in Sachen Fernsehvermarktung eine deutliche bessere Verhandlungsbasis, wovon auch die Vereine profitierten.

Dieter Lange

Zur Übersicht Zum Archiv