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Handballwoche – Story VfL Gummersbach

Thema: 10 Gründe für die Renaissance des Altmeisters

Vorspann

Mit 22:20 Punkten rangiert der VfL Gummersbach derzeit auf dem 7. Tabellenplatz, schwebt nach der Hinrunde erstmals seit einigen Jahren nicht in akuter Abstiegsgefahr. Und der Altmeister aus dem Oberbergischen befindet sich auch finanziell auf einem Konsolidierungskurs, denn die Altschulden konnten in den letzten zwei Jahren nahezu halbiert werden und werden zum Ende des Geschäftsjahres voraussichtlich „nur“ noch 2 Mio. Euro betragen. Was sind die Gründe, die zur Renaissance des VfL führten? Die HANDBALLWOCHE listet – exklusiv – 10 Faktoren auf, die allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben.

1. Geschäftsführer Frank Flatten

Zweifellos hat der 49-Jährige, der im Herbst 2012 den Geschäftsführerposten beim VfL antrat und einige „offene Baustellen“ vorfand, an der Trendwende einen großen Verdienst. Flatten leitete nicht nur eine neue Personalpolitik ein, sprich Trennung von teuren Stars, sondern führte auch ein striktes Kostencontrolling ein.

2. Neue Finanzpolitik

„Ich kann nur das ausgeben, was ich einnehme.“ Den Wahlspruch einer sparsamen Hausfrau hat sich auch Flatten zu Eigen gemacht, der zudem die Auflagen der HBL erfüllen muss, pro Jahr mindestens 400.000 Euro Altlasten abzubauen. Eine Auflage, die der VfL zuletzt sogar übertroffen hat. Und der neue Kurs wird von der HBL honoriert, denn in dieser Saison erhielt der VfL erstmals seit Jahren die Bundesliga-Lizenz schon im ersten Anlauf. Auch HBL-Geschäftsführer Holger Kaiser, der bei der HBL für das Lizensierungsverfahren zuständig ist, findet anerkennende Worte: „Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen ist außerordentlich gut und wir sind sehr zufrieden, wie sich die Finanzen beim VfL entwickeln.“

3. Beirat/Aufsichtsrat

Der neue VfL-Beirat (früher Aufsichtsrat) unter dem Vorsitz des Gummersbacher Wirtschaftsprüfers Götz Timmerbeil und seines Stellvertreters Holger Jahn (Firma Schwalbe) steuerte das oft schlingernde VfL-Schiff seit einigen Jahren in ruhigeres Fahrwasser. So schafften es Timmerbeil und seine Mitstreiter 2011, innerhalb eine Woche, eine Liquiditätslücke von rund 2,2 Mio. Euro zu schließen, so dass der VfL doch noch die Bundesligalizenz erhielt. Auch am Abbau der Altlasten hat der Beirat – neben Geschäftsführer Flatten – maßgeblichen Anteil.

4. Rückkehr nach Gummersbach

Der Umzug in die KölnArena (heute Lanxess-Arena) sollte den VfL zu Beginn des neuen Jahrtausends zu „neuen Ufern“ führen. Aber spätestens nach der Saison 2010/11 war dieses Experiment gescheitert, denn die hohen Hallenkosten und die auf Dauer mäßige Zuschauerresonanz in Deutschlands größter Veranstaltungshalle waren die Gründe, dass der VfL zurück in die oberbergische Kreisstadt kehrte.

5. Schwalbe-Arena

Allerdings, ohne den Bau der im Sommer 2013 eingeweihten Schwalbe-Arena (Zuschauerkapazität: 4132/Baukosten: 10,7 Mio. Euro) hätte es auf Dauer keinen Bundesligahandball in Gummersbach gegeben, denn die alt-ehrwürdige Eugen-Haas-Halle entsprach schon länger nicht mehr den HBL-Anforderungen. Für Flatten ist die Schwalbe-Arena mit der angrenzenden Halle 32, in den der VIP-Bereich integriert ist, „einzigartig“ in der Handball-Bundesliga. „Darum beneiden uns viele Vereine.“ Dabei sieht der VfL-Manager im Businessbereich noch Steigerungspotenzial. Und von den Fans wird die neue Arena auch sehr gut angenommen, wie der gestiegene Zuschauerschnitt von 2000 (Saison 2012/13) auf rund 3500 (2013/14) beweist. Und Flatten hofft, in nächster Zeit die Zahl der verkauften Dauerkarten von derzeit 1250 kontinuierlich auf 2000 zu steigern.

6. Hauptsponsoren

Mit der Rückkehr nach Gummersbach ging auch eine verstärkte Identifizierung der oberbergischen Wirtschaft mit dem Traditionsverein einher. Für Flatten war es ein „wichtiges Zeichen für unsere Zukunft“, als im Dezember 2013 die drei oberbergischen Unternehmen Ferchau Engineering, Ralf Bohle GmbH (Schwalbe) und das Edelstahlwerk Schmidt + Clemens als Hauptsponsoren beim VfL einstiegen.

7. Neue Personalpolitik

Weg von teuren Stars aus dem Ausland, hin zu jungen und hungrigen Talenten, nach Möglichkeit mit deutschem Pass, so lautet seit zwei, drei Jahren die Devise beim VfL, dessen Mannschaft inzwischen den zweifelhaften Ruf einer „Söldnertruppe“ abgelegt hat. Auffallend vor allem, dass mittlerweile kein Spieler aus Ex-Jugoslawien mehr das VfL-Trikot trägt, während der Altmeister noch vor einigen Jahren in Verdacht stand, die Mannschaft würde hauptsächlich von einem einzigen Spielerberater zusammengestellt. Und diese Neuausrichtung scheint aufzugehen, wie die jüngste Entwicklung zeigt: So wurden mit Julius Kühn und Simon Ernst in dieser Saison schon zwei Jungtalente in die A-Nationalmannschaft berufen und Andreas Schröder schaffte es immerhin in den erweiterten WM-Kader von Bundestrainer Dagur Sigurdsson.

8. Kontinuität

Die Personalpolitik des VfL war in der Vergangenheit stets von einer großen Fluktuation geprägt, was zum Teil den angespannten Finanzen geschuldet war. So musste der VfL allein in den vergangenen Jahren regelmäßig seine aufstrebende Talente (z.B. Patrick Wiencek, Kentin Mahe) oder Leistungsträger (u.a. Adrian Pfahl, Drago Vukovic, Viktor Szilagyi) an zahlungskräftigere Vereine abgeben. Dagegen haben es die VfL-Verantwortlichen in dieser Saison geschafft, alle auslaufenden Verträge zu verlängern, so dass der Altmeister mit unveränderter Truppe in die Saison 2015/16 starten wird. Für großen Jubel bei den Fans sorgten vor allem die Vertragsverlängerungen der beiden Torjäger Raul Santos und Andreas Schröder, denen bessere Angebote aus der Bundesliga vorlagen, was für Flatten ein Zeichen ist, dass die beiden „sich in Gummersbach sehr wohl fühlen und an unsere Konzept glauben“.

9. Torhütergespann Lichtlein/Puhle

Die Verpflichtung von Nationaltorhüter Carsten Lichtlein, der 2013 vom TBV Lemgo ins Oberbergische wechselte und beim VfL einen 3-Jahres-Vertrag (mit beidseitiger Option) unterschrieb, bezeichnet Frank Flatten als „Königstransfer“ in seiner Amtszeit: „Carsten ist nicht nur ein richtiger starker Torhüter, sondern er hat auch eine große Ausstrahlung und er ist auch mannschaftsintern als Führungsspieler geachtet und anerkannt.“ In dem Zusammenhang dankt Flatten der Firma Schmidt + Clemens: „Ohne deren Engagement wäre seine Verpflichtung nicht möglich gewesen.“ Wichtig ist für ihn zudem, dass er mit Matthias Puhle die „ideale Ergänzung“ zu Lichtlein verpflichtet hat.

10. Trainer Emir Kurtagic

Was im Dezember 2011 nach der Entlassung von Sead Hasanefendic nur als Übergangslösung bis zum Saisonende angedacht war, ist inzwischen auch ein Zeichen von Kontinuität beim VfL. So wurde der zum Saisonende auslaufende Vertrag mit Trainer Emir Kurtagic, mit 34 Jahren immer noch der jüngste Trainer in der Bundesliga, erst kürzlich um zwei Jahre bis 2017 verlängert. Bei der Vertragsverlängerung ließen sich die VfL-Macher nicht nur von dem derzeitigen guten Tabellenstand leiten, sondern sie waren und sind von dem Menschen Emir Kurtagic und seinen Fähigkeiten als Trainer absolut überzeugt. Flatten: „Er identifiziert sich einmal hundertprozentig mit dem VfL und ist immer loyal. Aber auch als Trainer hat er sich kontinuierlich weiterentwickelt, hat ein gutes Standing bei der Mannschaft – und sein hoher Handball-Sachverstand ist unstrittig.“

Quelle: HANDBALLWOCHE / Autor: Dieter Lange

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