VfL-Bietigheim 480

Großes Flatten-Interview: Bald der nächste Nationalspieler „Made in Gummersbach“?

Saisonstart geglückt und viele Sympathien gewonnen. Rosige Aussicht beim VfL, oder? Manager Frank Flatten spricht im großen Interview unter anderem über die Zukunftsaussichten von Mannschaft und Verein, auslaufende Verträge sowie die Nationalmannschaft.

7:5-Punkte. Eine unglückliche Niederlage bei den Füchsen und eine ganz starke Halbzeit gegen die Rhein-Neckar Löwen. Der Saisonstart hätte schlechter ausfallen können?

Flatten: Ja. Es ist richtig, dass wir bei den Füchsen durchaus einen Punkt verdient hätten, nur muss man die Punkte gegen Hamburg und Melsungen als Bonuspunkte sehen. Ansonsten hat sich die Mannschaft schneller gefunden als erwartet, und wir spielen einen erfrischenden Handball.
 
Wie beurteilen Sie die Entwicklung der jungen Mannschaft in der kurzen Zeit?

Flatten: Wir haben die Mannschaft bewusst verjüngt und auch auf die Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Spieler geachtet. Dass sich die Mannschaft so schnell findet, haben wir gehofft, aber nicht vorausgesetzt. Wir sind hier ein gewisses Risiko gegangen. Mir macht es sehr viel Spaß, die Mischung zwischen jung und alt, den Teamgeist und den Spirit zu beobachten. Auch in Gummersbach ist man sehr begeistert von der Art und Weise, wie die Mannschaft auftritt, aber auch spielt.
 
Die Spiele in Berlin und gegen die Löwen wurden im TV übertragen. Ein Image-Gewinn für den VfL?

Flatten: Ich denke, dass der erfrischende Handball dazu beiträgt, dass wir mehr Fernsehpräsenz bekommen. Sicherlich ist aber auch die tolle SCHWALBE arena mit ihren hervorragenden Übertragungsmöglichkeiten einer der Gründe, warum wir häufiger im TV zu sehen sind.
 
Sie hatten als Saisonziel Platz neun bis zwölf ausgegeben. Darf es nach den ersten Eindrücken vielleicht sogar mehr sein, oder ist es dafür noch zu früh?

Flatten: Nein. Ich persönlich habe als Ziel ausgegeben, dass wir einen einstelligen Platz erreichen können. Die Mannschaft hat bereits jetzt gezeigt, dass sie großes Potential hat. Unser Trainer Emir Kurtagic hat allerdings eher das Saisonziel, eine positive Entwicklung der Mannschaft zu forcieren. Wir wollen die Erwartungen jetzt nicht zu hoch schrauben. Ich hoffe aber, das wir es schaffen, diese Entwicklung fortzusetzen. Dafür bitte ich die Oberberger Firmen auch um Unterstützung. Wir müssen im Businessclub und auf der Sponsorenebene breiter werden.
 
Julius Kühn wurde für die DHB-Auswahl berufen. Sehen Sie noch mehr Nationalmannschaftskandidaten „Made in Gummersbach“ im Kader?

Flatten. Ja. Julius Kühn ist sicherlich eine der Entwicklungen, die wir erhofft haben. Ich kenne und beobachte ihn ja auch schon lange. In Gummersbach hatten wir vorher einen erfahrenen Individualisten auf dieser Position. Nun haben wir zwei junge dynamische Sportler mit Andreas Schröder und Julius Kühn. Die beiden ergänzen sich hervorragend und neiden einander keinerlei Spielzeiten. Jeder ist entwicklungsfähig und es ist auch möglich, dass beide zur Nationalmannschaft berufen sind. In diesem Fall hat sich der Bundestrainer für den jüngeren Kader ausgesprochen. In unserer Mannschaft sehe ich aber auch durchaus weitere Kandidaten, die den Sprung auch in die Nationalmannschaft schaffen können und werden.
 
Wie beurteilen Sie die Rolle, den Stellenwert der Nationalmannschaft und insbesondere auch das Jobsharing zwischen Clubs und Verband?
 
Flatten: Die Nationalmannschaft muss und hat den höchsten Stellenwert innerhalb der HBL, aber auch des DHB. Beim DHB ist es folgerichtig, da dies das Aushängeschild darstellt. Ohne die Nationalmannschaft werden wir den Deutschen Handball nicht wieder weiter entwickeln können. In den letzten Monaten ist hier ein Imageverlust eingetreten, den es nun gilt wieder auszugleichen. Sicherlich ist die Problematik im Jobsharing bei Dagur Sigurdsson gegeben, nur endet diese Konstellation auch zum Ende der laufenden Saison. Es ist logisch, dass man in so kurzer Zeit keinen Vollzeittrainer finden kann. Aus meiner Sicht muss der Bundestrainer eine Figur sein, die vieles zusammenführen kann. Dies sehe ich bei Dagur. Die Doppelbelastung muss man in Kauf nehmen, da es galt, einen sehr guten Trainer zu finden. Folglich muss man auch kompromissbereit sein, um den Wunschkandidaten zu finden. Berlin ist jetzt in der Situation, dass sie sich einen anderen Trainer suchen müssen. Hier muss man auch Hochachtung zeigen, dass sie ihren Trainer zum Ende der Saison frei geben. Die Rollen der Trainer unserer Junioren- und Jugendnationalmannschaften müssen auch hauptamtlich sein.  Es geht darum, den Handball wieder dahin zu führen, wo er hingehört.  
 
In der Handball-Bundesliga gibt es immer noch große Gefälle, auch medial. Der VfL war in der Vergangenheit nicht immer der Vorzeige-Club. Haben sich Ansehen und Status nach den positiven Zeichen der jüngsten Vergangenheit gesteigert?

Flatten: Ich denke, dass sich Gummersbach sehr positiv in der Außenwirkung entwickelt hat und wir wollen diesen Weg kontinuierlich weiter gehen. Medial ist man auf uns aufmerksam geworden, da unsere Aussagen zuverlässiger sind und wir eine gewisse Ruhe nach außen ausstrahlen. Das Gefälle in der Bundesliga hat sich etwas gewandelt. Momentan können die Mannschaften sich alle gegeneinander schlagen. Einige Ergebnisse in dieser Saison überraschen schon.
 
Das zweite Jahr in einer neuen Halle ist immer das schwerste. Wie beurteilen Sie das aktuelle Zuschauerinteresse am VfL und der SCHWALBE arena?

Flatten: Ich glaube, dass wir uns in der neuen Halle als Mannschaft wohl fühlen und auch das Interesse gestiegen ist. In der vorherigen Saison sind sicherlich einige Zuschauer gekommen, um die Halle kennenzulernen. Unsere Aufgabe ist es nun, Zuschauer zu mobilisieren und das große Kapital, welches wir entwickeln, auszubauen. Mit unserem Handball stellen wir viele Anforderungen zufrieden. Zu Beginn einer Saison ist es für jeden Handballverein schwierig, alle Zuschauer direkt zu erreichen. Ich hoffe sehr, dass sich Oberberg hinter den VfL Gummersbach stellt und die Zuschauer in die Halle kommen. Ab diesem Monat fängt auch die Fachhochschule wieder an, wo wir auch einige Zuschauer erwarten. Problematisch sind natürlich die Doppelspieltage. Wenn wir mittwochs und samstags spielen, müssen zwei Eintrittskarten gekauft werden. Dies belastet sicherlich auch die Familien. Ich hoffe, dass sich das in der Zukunft wieder entzerren wird.

Auch der Handball ist zum Event geworden, und Events brauchen Gesichter und Stars. Der Vertrag von Raul Santos läuft 2015 aus. Kann der VfL nun solche Spieler halten, die man in der Vergangenheit oft abgeben musste?

Flatten: Wir sind natürlich jetzt schon in Gesprächen, nicht nur mit Raul Santos. Natürlich ist es logisch, dass die Spieler in den Fokus vieler anderer Mannschaften gelangen, insbesondere Raul, der in der Torschützenliste auch letzte Saison schon weit vorne war. Seine spektakuläre Art ist sicherlich auch interessant. Hier sind wir allerdings auch auf die Region angewiesen. Dass wir einen positiven Weg wirtschaftlich, aber auch sportlich gehen ist sicherlich nicht unbekannt in Gummersbach. Nur benötigen wir zur weiteren Entwicklung auch das Potential von Oberberg. Nur wenn unsere Sponsoren unseren Weg mitgehen, können wir das Gehaltsgefüge auch nach oben anpassen. Alle Spieler wollen persönlich etwas erreichen und wenn dann Angebote von Spitzenclubs kommen, werden wir nur mithalten können, wenn wir die Wege zur Spitze erreichen. Dann ist Gummersbach – auch für Spieler wie Raul Santos – sicherlich interessanter, zumal er bei uns auch 60 Minuten Spielzeit hat.

Würde eine Vertragsverlängerung von Santos nicht auch das Gehaltsgefüge gefährden, schließlich liegt der aktuelle Personaletat eher im unteren Mittelfeld der Bundesliga?

Flatten: Wie ich oben schon sagte, muss das Gehaltsgefüge angepasst werden, wenn sich Spieler weiter entwickeln. Es ist eine normale Situation. Je besser die Leistung wird, umso höher darf auch der Anspruch eines Spielers sein. Unser Gehaltsniveau haben wir kräftig überarbeitet, da in der Vergangenheit schon einige andere Verträge geschlossen waren. Ich hoffe hier sehr auf die Unterstützung von Oberberg, die den eingeschlagenen Weg anerkennt. Für Gummersbach wäre es schon wichtig, die Mannschaft, wie sie jetzt spielt, auch längerfristig zusammenzuhalten. Dann ist die Wahrscheinlichkeit auch größer, zur Spitzengruppe aufzuschließen.
 
Der Verein hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und schließt bewusst keine „Rentenverträge“ mehr ab. Kein Spieler ist länger als 2016 an den Club gebunden. Ist das nicht auch eine Gefahr bei weitere ansteigenden Leistungen?

Flatten: Sicherlich ist die Gefahr bei Zwei-Jahres-Verträgen groß. Nur gibt es eine klare Konzeption seitens des DHB, dass Elitespieler keine längerfristigen Verträge abschließen sollten und sollen. Ich bin jemand, der diese Vereinbarung einhält und dem Spieler dann auch Entwicklungspotential gibt. Nun liegt es an uns, dem Verein VfL Gummersbach, der Region und genau diesen jungen, entwicklungsfähigen Spielern zu zeigen, dass sich ihr Einsatz für den VfL Gummersbach lohnt. Auch ein Spieler weiß es sicherlich zu schätzen, dass wir uns an Empfehlungen des DHB halten. Sicher könnte man auch einem jungen Spieler 5-Jahres Verträge geben. Hier ist es für beide Seiten dann ein bindender Vertrag, der vielleicht aber auch einen richtig guten jungen Spieler in seiner Entwicklung hindert. Dies birgt dann Unzufriedenheit, die aufkommen kann. Ich bin der Meinung, dass ein Spieler dann auch beim Verein bleiben wird, wenn seine Entwicklung sehr positiv und das Gehaltsgefüge „normal“ ist. Ich betone noch einmal, wir müssen Oberberg und die Wirtschaft mitnehmen müssen, um genau diese jungen Spieler längerfristig zu halten. Dann wird der VfL Gummersbach auch eine sehr erfolgreiche Zukunft haben. Dass wir aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben ist vollkommen richtig. Wer mich kennt, der weiß, dass ich eine gewisse Philosophie habe und dies sehr akribisch verfolge. Der gesamte Beirat und unsere großen Sponsoren gehen genau diesen Weg mit. Sprich: Die Fehler der Vergangenheit ausräumen, den wirtschaftlichen Weg in einen gesunden Weg mit Entwicklung stecken, auf junge, ehrgeizige Spieler setzen und darauf hoffen, dass die Wirtschaft dies anerkennt und den Weg begleitet. Dann können wir mit unserer Personalpolitik kontinuierlich weiter wachsen. Der VfL Gummersbach ist für Spieler wieder interessant geworden, da wir unsere Zusagen einhalten!
 
Die Arbeit der Handball-Akademie wird von Jahr zu Jahr besser. Wann schafft es ein Akademie-Spieler mal in die Startformation? Beim VfL hat man immer das Gefühl, dass sich die Fans nach einem „echten Gummersbacher“ in der Mannschaft sehnen. 

Flatten: Die Aussage kann ich nicht ganz nachvollziehen. Die Akademie hatte im letzten Jahr das beste Jahr der Vereinsgeschichte. Natürlich ist uns die A-Jugend weg gebrochen. Wenn wir nun aber beobachten, welche Spieler bei uns auch im Kader stehen, ist das schon aller Ehren wert. Mit Andreas Heyme hat einer den Sprung geschafft, sich nun leider verletzt hat. Mit Tobias Schröter und Philipp Jäger gibt es zwei weitere Kandidaten, die die Akademie durchlaufen haben. Beide sind leider momentan auch verletzt. Ich denke, die Arbeit in der Akademie wird sich in den nächsten drei bis vier Jahren sehr auszahlen. Wir haben gute Talente. Wichtig ist aber, dass wir einen breiteren Nachwuchs auch für die U23 entwickeln. Hier fehlt uns derzeit leider die A-Jugend, aber das wird sich hoffentlich ändern.

Abschlussfrage: Wo sehen Sie den VfL in zwei Jahren? Dürfen die Fans dann auch wieder von Europa träumen?

Flatten: Das Ziel des Vereins ist natürlich, dass wir auch irgendwann einmal international spielen. Ob das in drei, vier Jahren oder sogar früher ist, das kann man nicht absehen. Es hängt auch etwas von der näheren Entwicklung und der wirtschaftlichen Kraft ab. Und natürlich müssen wir auch unsere Spielerphilosophie weiter umsetzen können. Dann haben wir eine sehr gute Chance!

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