VfL-Magdeburg 202

Duell beim Aufsteiger aus Erlangen

Zum zweiten Mal in seiner Vereinsgeschichte hat der HC Erlangen den Aufstieg in die „stärkste Liga der Welt“ geschafft. Und diesmal sind die ambitionierten Franken gekommen, um zu bleiben, nachdem die Erlangener bei ihrem ersten Gastspiel in der Saison 2014/15 am Ende recht unglücklich wieder den Weg in die Zweitklassigkeit antreten mussten. Diesmal, so sind sich aber alle Experten einig, sind die Voraussetzungen für den Klassenerhalt aber deutlich besser als vor zwei Jahren. So schrieb auch das Fachblatt „Handballwoche“ in seiner Vorschau auf die Saison 2016/17: „Mittlerweile sind feste Strukturen vorhanden und eine Mannschaft, die eine deutlich höhere Qualität aufweist als beim ersten Aufstieg in die erste Liga. Dem damals relativ unerfahrenen Team steht im Vergleich eine systematisch aufgebaute und verstärkte Mannschaft gegenüber, die internationale Erfahrung aufweist.“

VfL-Trainer Emir Kurtagic überraschen die Leistungen der Franken ebenfalls nicht: „Sie haben eine starke und auch eine sehr erfahrene Mannschaft, die gut verstärkt wurde. Das wird ein heißer Tanz.“ Dennoch habe man auch in diesem Spiel den eigenen Anspruch, zwei Zähler mit ins Oberbergische zu nehmen: „Das geht natürlich nur, wenn wir unter der Woche unsere Hausaufgaben machen und hochkonzentriert zur Sache gehen.“ Seine Mannschaft habe in den bisherigen Saisonspielen sehr viel richtiggemacht, aber wenn immer noch Luft nach oben sei: „Mit dem aktuellen Stand können wir aber sehr zufrieden sein. Unsere Erfolge waren nie in Gefahr, auch wenn wir manchmal im Gefühl des sicheren Sieges etwas nachlässig waren.“

Dennoch ist man vor dem Gegner gewarnt, und die Nachverpflichtung auf der Torhüterposition von Erlangen zeige zudem, dass auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten vorhanden sind. Dieses probate Mittel, auf Ausfälle von Leistungsträger zu reagieren, hat der VfL aktuell nicht. „Wir können nicht mal eben die Tasche aufmachen und eine Verstärkung im rechten Rückraum verpflichten“, erklärt Kurtagic und bezieht sich damit auf die schwere Verletzung von Kévyyn Nyokas.

Durch diesen langfristigen Ausfall rückt zwangsläufig Florian Baumgärtner in den Fokus, auf den Kurtagic ohnehin große Stücke hält. „Natürlich wird es verstärkt bei uns einsteigen. Ich kann ihn nicht in die Bundesliga integrieren, wenn ich ihn nur einmal pro Woche beim Training habe“, so der Übungsleiter, der allerdings auch die Verpflichtung gegenüber dem Kooperationspartner Ferndorf sieht, wo Baumgärtner bereits ein Leistungsträger ist: „Natürlich sind wir auch in der Verantwortung. Wir müssen eine Regelung treffen, mit der beide Seiten leben können.“ Da man den Spieler aber nun mal nicht klonen kann, werden die VfL-Fans ihn sicherlich in den nächsten Wochen öfter zu Gesicht bekommen.

Der gute Saisonstart – mit 6:4 Punkten rangiert der HC Erlangen nach fünf Spieltagen auf dem 6. Tabellenplatz – kommt also nicht überraschend, wobei die Franken mit ihrem 24:22-Auswärtssieg beim EHF-Pokalsieger Frisch Auf Göppingen erst am letzten Wochenende ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt haben dürften. Dementsprechend werden die Schützlinge des schwedischen Trainers Robert Andersson unseren VfL Gummersbach mit breiter Brust und mit viel Selbstvertrauen in der Nürnberger Arena empfangen. Apropos Nürnberger Arena: An diese Spielstätte dürften Christoph Schindler nicht die besten Erinnerungen haben, denn dort gingen sie in der Abstiegssaison des HC Erlangen schon einmal als Verlierer (24:25) vom Parkett.

Um ein solches Negativerlebnis diesmal zu vermeiden, wird es schon einer sehr gute und konzentrierten Leistung bedürfen. Wobei vor allem der VfL-Angriff gegen die abwehrstarken Franken gefordert ist. So bescheinigte auch Trainer Andersson seinen Schützlingen („Sie haben an sich geglaubt und mit viel Leidenschaft gekämpft“) nach dem Auswärtscoup in Göppingen eine „sehr starke defensive Leistung“. Hinter der kämpferischen Abwehr steigerte sich auch Torhüter Mario Huhnstock, der die verletzte Nummer 1, Nikolas Katsigiannis, vergessen ließ, zu einer überragenden Leistung, so dass der nachverpflichtete russische Nationaltorhüter Igor Levshin nur auf der Bank saß. Und im Angriff bot Rückraumspieler Nicolai Theilinger sein bisher bestes Bundesligaspiel im Trikot des HSC und war mit sechs Toren erfolgreicher Werfer, gefolgt von Kreisläufer Jonas Thümmler, Linksaußen Martin Stranovsky und dem Ex-Gummersbacher Ole Rahmel (je 4), der im Übrigen mit 35 Treffern derzeit die Bundesliga-Torschützenliste anführt.

Der HC Erlangen scheint mit dem Sieg in Göppingen in dieser Saison auch seine alte Auswärtsschwäche abgelegt zu haben. Dagegen waren die Franken in eigener Halle auch in ihrer Abstiegssaison schon eine echte Macht – und sind auch in dieser Saison vor eigenem Publikum noch ungeschlagen. So bekamen der MT Melsungen (29:25) und der TVB Stuttgart (30:26) schon die Heimstärke des HCE zu spüren, während es in Flensburg (23:35) und Lemgo (27:28) die vier Minuspunkte gab.

Dass die Erlanger in dieser Saison nicht zu den Abstiegskandidaten zählen werden, liegt auch an ihren Neuerwerbungen, mit denen sich die Franken weiter verstärkt und vor allem noch mehr internationale Routine in ihr Team geholt haben. So wechselte mit Michael Haaß ein Weltmeister vom SC Magdeburg ins Frankenland, Ex-Nationaltorhüter Nikolas Katsigiannis kehrte nach einem einjährigen Gastspiel beim THW Kiel zurück und mit Kreisläufer Uros Bundalo und Rückraumspieler Isaias Guardiola kamen zwei international erfahrene Spieler ins Frankenland. In diese Kategorie gehört natürlich auch der tschechische Internationale Pavel Horak, der vergangene Saison von den Berliner Füchsen zum HCE wechselte. Insgesamt ist der HC Erlangen also ein Mix aus jungen aufstrebenden Akteuren, wozu auch Jung-Nationalspieler Nikolai Link zählt, und erfahrenen Spielern. Und untypisch für einen Aufsteiger: Fast jeder Akteur hat mindestens Erstliga-Erfahrung, wenn nicht sogar schon internationale Einsätze absolviert.

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