Handelsbaltt

Die Legende lebt

Der VfL Gummersbach war einst der erfolgreichste Handballklub der Welt, danach viermal fast pleite. Doch jetzt scheint die Wende geschafft.

Quelle: Handelsblatt, Montag, 16.Februar 2015; Nr. 32 / Autor: Arnulf Beckmann

Wer das Phänomen VfL Gummersbach ergründen will, sollte zuerst zu Tino Kosta gehen. Der 66-jährige gebürtige Sizilianer betreibt eine Pizzeria im Ortszentrum der oberbergischen Kleinstadt 50 Kilometer östlich von Köln, die so etwas wie das Archiv des Handballbundesligisten ist. An den Wänden des Lokals hängen Mannschaftsfotos, und der Chef des Hauses kennt zahlreiche Geschichten aus der glorreichen Vergangenheit des VfL. „Bei Tino” traf sich die Mannschaft nach den Meisterschaften und Europacup-Siegen schon vor Jahrzehnten. Auch Heiner Brand verkehrt hier noch immer gern. Der heute 62-Jährige war zweimal Weltmeister – als Bundestrainer 2007 und als Spieler 1978. Er war das Gesicht des VfL Gummersbach. Und er ist ein Zeitzeuge.

Rund ein Vierteljahrhundert spielte Brand bei dem einst besten Handballklub der Welt, gemeinsam mit Spielern wie Hansi Schmidt, Joachim Deckarm und Erhard Wunderlich. Als kleiner Junge erlebte er 1966 die erste deutsche Meisterschaft des VfL – eine von insgesamt zwölf –, als Trainer die bislang letzte. Das war 1991, vor fast 24 Jahren. Die großen Zeiten des Klubs sind längst Legende, doch wer in Gummersbach lebt, kann sich dem Handball kaum entziehen. Erst recht nicht jemand wie Brand, der nur wenige Minuten von der neuen, hochmodernen Sporthalle entfernt wohnt und der dem Vorplatz der Arena seinen Namen gab. Zu den Heimspielen geht Brand noch immer, allerdings eher unregelmäßig. „Als Besucher bin ich beim VfL gerade nicht so gern gesehen”, sagt Brand lachend, „weil die ohne mich meistens gewonnen haben.”

Im Gegensatz zu den vergangenen beiden Spielzeiten, als der VfL gegen den Abstieg spielte, läuft es in dieser Saison bislang richtig gut. Die Hinrunde schloss der VfL als Tabellensiebter von insgesamt 19 Erstligisten ab – das ist viel mehr, als nach der Verjüngungskur der Mannschaft und dem einschneidenden Sparkurs der Klubführung zu erwarten war.

Mit erfrischendem Jugendstil gelingt es dem Team um Nationaltorhüter Carsten Lichtlein, der bei der Handballweltmeisterschaft im Januar in Katar zu den herausragenden Akteuren zählte, die Leute in und um Gummersbach wieder für den Klub zu emotionalisieren – auch die, die viele Jahre nicht mehr gekommen sind. „Bei einigen Spielen”, sagt Brand, „war die Stimmung fast so wie bei unseren großen Europacup-Schlachten in der Dortmunder Westfalenhalle.” Und Frank Flatten ergänzt: „Es ist wieder in, zum VfL zu gehen.”

Der Geschäftsführer der in die VfL Handball Gummersbach GmbH ausgegliederten Profiabteilung ist darüber glücklich. Kein Wunder: Als er im September 2012 seine Mission im Oberbergischen antrat, stand er vor einer Kernsanierung. Das Geld war knapp und es waren einige arbeitsrechtliche Verfahren zu klären. Auch die neue Halle war gerade erst im Bau, die Vermarktungssituation in der „Schwalbe Arena“ noch ungeklärt. Und, so Flatten, „das Prekäre war die dramatische Unterdeckung im operativen Bereich”. Mit seinem unseriösen Image schreckte der Traditionsverein neue Spieler und Sponsoren ab. „Das war hier ein leckgeschlagenes Schiff”, so Flatten. „Aber der Beirat hatte bereits 2011 begonnen, erste Sanierungsarbeiten einzuleiten. Das überzeugte mich.”

Die waren allerdings auch dringend erforderlich. Erdrückt von der Bürde der erfolgreichen Vergangenheit, fraßen sich Misserfolg und Enttäuschung über mehr als zwei Jahrzehnte tief in den Klub hinein – bis 2011. Zweifelhafte Gönner und spektakuläre Sammelaktionen bei Fans und Unternehmen verstellten immer wieder den Blick auf die traurige Wahrheit: Der VfL war längst kein Spitzenklub mehr. Ohne tragfähiges wirtschaftliches Konzept, dafür aber mit mehr und mehr Schulden, rauschte der Klub gleich vier Mal (1996, 2000, 2009, 2011) haarscharf am wirtschaftlichen Totalschaden vorbei. „Die Leute in Gummersbach haben lange nicht kapiert, dass die glorreichen Zeiten vorüber waren”, sagt Brand.

Das ist nun anders. Frank Ferchau nennt das „Mind Change. Wir mussten uns hier dringend von dem Anspruch lösen, stets in der Champions League mitzuspielen”. Unternehmer Ferchau ist mit seiner Firma Ferchau Engineering einer von drei Hauptsponsoren aus der Region und schon von Kindheit an mit dem VfL verwachsen. Er ist jemand, der den Wandel im Denken voll verinnerlicht und längst Abschied genommen hat von der großen Gummersbacher Zeit. „Heute ist es für den VfL schon ein großer Erfolg, überhaupt noch in der 1. Liga dabei zu sein.”

Straffes Kostenmanagement hat wesentich dazu beigetragen, dass der VfL vor zwei Jahren den Turnaround geschafft hat und wieder Gewinne macht. Vor allem das Personalbudget hat Flatten eingedampft. Zweimetermann Lichtlein, der aktuell einzige Nationalspieler des VfL, ist der mit Abstand bestbezahlte Spieler in Gummersbach. Er soll laut Branchenschätzungen rund 18.000 Euro pro Monat verdienen. Die übrigen Spieler müssen sich laut Flatten mit einem Monatssalär von weniger als 10.000 Euro begnügen. Noch vor ein paar Jahren war der Anteil der Spieler mit fünfstelligen Gehältern wesentlich höher.

Neben Ferchau und seinen Partner trägt die Schwalbe-Arena viel dazu bei, den „Traditionsverein in die Zukunft zu überführen”, wie Manager Flatten sein Mammutprojekt nennt. Vor eineinhalb Jahren wurde die neue sportliche Heimat des Klubs für rund zwölf Millionen Euro Baukosten, die sich das Land Nordrhein-Westfalen, Sponsoren und der Klub teilten, auf einer Industriebrache mitten in Gummersbach fertiggestellt. Während sich früher die Fans in einer miefigen Sporthalle mit dem morbiden Charme der 60er Jahre wiederfanden, spielt das Team von Trainer Emir Kurtagic heute in einer supermodernen Arena – mit Logen, mit einer Stehtribüne und mit einem vorzeigbaren VIP-Bereich. Rund 4.200 Zuschauer finden dort Platz. Und bei den letzten Spielen vor der Weihnachtspause war die Halle zwei Mal ausverkauft.

„Das haben wir damals allenfalls gegen TUSEM Essen oder gegen TV Großwallstadt geschafft”, erinnert sich Brand. Dabei fasste die alte Eugen-Haas-Halle noch nicht einmal 2.000 Besucher. In der Rückschau ist ein Rätsel, wie sich hier ein Erstligastandort überhaupt halten konnte. „Die neue Schwalbe-Arena”, sagt Frank Bohle, CEO des namensgebenden Unternehmens, „war das Signal zum Neuanfang. Ohne Halle gäbe es heute keinen VfL, und wären dann auch nicht Sponsor.“

Die Gummersbacher freuen sich vor allem über die deutlich verbesserten Vermarktungsmöglichkeiten und die neue Wettbewerbsfähigkeit. Flatten ist stolz darauf, die Heimspiele seines VfL in Eigenregie an den Mann zu bringen. Vier der sieben Logen sind dauerhaft verkauft, ebenso die Tribünenrechte. Der Business-Klub mit mittlerweile über 200 Mitgliedern tut sein Übriges. Mit einem Gesamtetat von mehr als vier Millionen Euro bewegt sich das flottgemachte VfL-Schiff mittlerweile auf Kurs. Beirat und Gesellschafter hoffen, die noch immer lizenzgefährdenden Altlasten von mehr als vier auf weniger als zwei Millionen Euro bis zum Ende der laufenden Saison zu senken. Auch in den Jahren danach „werden wir nur so viel ausgeben, wie wir auch einnehmen“, kündigt Manager Flatten an.

Dabei ist das Vermarktungspotenzial der Arena noch nicht voll ausgeschöpft. Mit neuem Image und wirtschaftlicher Zuverlässigkeit hofft Flatten darauf, bald auch einen überregionalen Großsponsor zu gewinnen, der neue Perspektiven eröffnen könnte. Fünf Millionen Euro, so kalkuliert der Manager, reichen, um eine Mannschaft zu entwickeln, die wieder international spielen wird. „Aber selbst dann bewegen wir uns noch lange nicht in der Kategorie der großen Klubs.” An die Branchenführer aus Kiel, Mannheim, Flensburg und Hamburg mit zum Teil zweistelligen Millionenetats wird der VfL dann noch lange nicht heranreichen. Dennoch scheint das Konzept einer soliden wirtschaftlichen Entwicklung und wachsender Identifikation aufzugehen, um mittelfristig wieder international zu spielen. Auch wenn dem Wachstum im Oberbergischen Grenzen gesetzt sind.

 

Quelle: Handelsblatt, Montag, 16.Februar 2015; Nr. 32

/ Autor: Arnulf Beckmann

Galerie

Zur Übersicht Zum Archiv