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Der VfL Gummersbach in der Saison 2014/2015

Leidenschaft vereint: Der „neue VfL“ begeistert wieder Handball-Deutschland

Vor der Saison 2014/2015 gab es erneut einige wichtige Weichen zu stellen beim Traditionsverein, und den Verantwortlichen war klar, dass der neue Weg des VfL auch mit Risiken behaftet ist. Geschäftsführer Frank Flatten und seine Mannen waren aber davon überzeugt, dass der eingeschlagene Weg richtig sei. Neben der finanziellen Konsolidierung, die bereits in den zwei Jahren zuvor unter Federführung des Beiratsvorsitzenden (ehemals Aufsichtsrat) Götz Timmerbeil sehr erfolgreich vorangetrieben wurde, stand die sportliche Neuausrichtung auf der Agenda.

Der VfL war die große Unbekannte der Liga

Bereits in der Saison zuvor wurde bewusst auf die Käufe fertiger Topspieler verzichtet. Vielmehr lautet der Auftrag: Eigene Talente in der Akademie fördern, diese an die Bundesliga heranführen, und darüber hinaus junge – vorrangig deutsche – Spieler mit Entwicklungspotenzial verpflichten. Das Abenteuer konnte beginnen. Es war eine Gradwanderung, denn vor der Saison 2014/2015 war der VfL die große Unbekannte der Liga. Mit Alexander Becker, Gunnar Steinn Jonsson, Simon Ernst, Julius Kühn und Magnus Persson rückten gleich fünf neue Spieler in den VfL-Kader, allesamt junge Akteure und teilweise aus unteren Ligen. Mit dem zweitjüngsten Bundesligakader startet der VfL schließlich in das Abenteuer. Noch konnte Niemand absehen, ob Geschäftsführer Frank Flatten mit seinen Spielerverträgen wirklich ein glückliches Händchen hatte, aber am Ende des Tages sollte es bekanntlich genau so gewesen sein.

Der Saisonverlauf 2014/2015 und die weiteren sportlichen Planungen

Zum Saisonstart rang die junge VfL-Garde dem HSV Hamburg ein Remis ab, und es folgte ein überraschender Auswärtssieg in Melsungen. Weitere starke Resultate folgten, die jungen Wilden mischten die Liga auf, und die Stimmung erinnerte zeitweise an legendäre Europapokal-Schlachten der Vergangenheit. Die Neuzugänge wurden schnell integriert, und der Kader präsentierte sich ausgeglichen wie lange nicht mehr. Beflügelte vom „achten Mann“ Publikum schloss der VfL das Jahr 2014 mit sagenhaften 22:20-Punkten und Platz sieben ab. „Ein fantastisches Publikum und eine klug zusammengestellte Mannschaft. Da hat sich grundlegend etwas verändert und das liegt an der klugen, strategisch tollen Arbeit der Menschen, die hier in der Verantwortung stehen“, erklärt der Wetzlarer Trainer Kai Wandschneider stellvertretend.

„Eine kluge, strategisch tolle Arbeit der Menschen, die hier in der Verantwortung stehen.“ (Kai Wandschneider, Trainer HSG Wetzlar)

Die Leistungen sollten auch dem neuen Bundestrainer Dagur Sigurdsson nicht verborgen bleiben, der Julius Kühn und Simon Ernst zu Länderspielen der DHB-Auswahl berief. Darüber hinaus buchte der VfL durch den überraschenden Auswärtssieg in Hannover das Viertelfinale-Ticket im DHB-Pokal, wo er schließlich am späteren Pokalsieger Flensburg scheitern sollte. Der VfL war die Überraschung des Handballjahres 2014, aber die Bestätigung sollte eine noch viel größere Aufgabe für den zweitjüngsten Kader der Liga werden, zumal der VfL 2015 in der Schlussphase der Serie vermehrt auswärts antreten musste. Kein Team sollte den VfL nun mehr unterschätzen, so viel war klar, aber auch diesem Druck sollte der VfL standhalten. Obwohl Kapitän Christoph Schindler weite Teile der Rückrunde ausfiel, erreichte der VfL frühzeitig das Klassenziel und erzielte mit 34 Punkten und Platz zehn das beste Ergebnis der letzten Jahre. Am Ende trennte den VfL sogar nur ein einziges Törchen in Hamburg (31:32-Niederlage) am letzten Spieltag von Tabellenplatz acht. Gar nicht schlecht für einen potenziellen Abstiegskandidaten! „Die vermeidbare Niederlage beim HSV muss man dieser jungen Mannschaft zugestehen und sie schmälert gar nichts. Wir sind mit dem jungen Kader ein Risiko eingegangen und wurden belohnt. Die Mannschaft hat in dieser Saison Großartiges geleistet, und der Weg ist noch lange nicht am Ende“, freut sich VfL-Trainer Emir Kurtagic, der ebenso wie alle Stammkräfte des VfL mit einem neuen Vertrag ausgestattet wurde.

Ein klares Vertrauensbekenntnis von Geschäftsführer Frank Flatten also, der sich in dem eingeschlagenen Weg bestätigt sieht: „Wenn ich sehe, wie sich die Fans mit dieser Mannschaft identifiziert und wie das Team alles gibt, dann macht die Arbeit schon richtig Spaß. So verkehrt kann unser Weg also nicht sein.“

„Die Mannschaft hat in dieser Saison Großartiges geleistet, und der Weg ist noch lange nicht am Ende.“ (VfL-Trainer Emir Kurtagic)

Die beiden ehemaligen VfL-Trainer Alfred Gislason (THW Kiel) und Sead Hasanefendic (TuS N-Lübbecke) zeigten sich ebenfalls beeindruckt von der Kulisse und dem neuen Gesicht des VfL 2015. „Die Mannschaft hat einen Riesencharakter und war in der ersten Hälfte deutlich besser als wir. Glückwunsch an Emir für die starke Arbeit mit dieser jungen Mannschaft“, erklärt der Kieler Meistermacher und Hasanefendic gefielen besonders „Leidenschaft, Glaube und Deckungsarbeit“ des Gegners, der sein Team mit 29:27 bezwang.

Aber was macht diesen VfL aus? Attribute wie mannschaftliche Geschlossenheit, Tempohandball und bedingungsloser Einsatz sind dort zu nennen. Eine Mannschaft eben, in der jeder für den anderen kämpft und bei der die Chemie auf und außerhalb des Spielfeldes stimmt. Großer Rückhalt war erneut Nationaltorhüter Carsten Lichtlein, aber auch Matthias Puhle als die ideale Nummer 2 sicherte dem VfL manchen Punkt. Im Angriff führt Linksaußen Raul Santos (Platz 2 in der Bundesliga-Torschützenliste mit 253 Treffern!) die interne Torschützenliste zwar klar an, aber die Stärke des VfL war die Ausgeglichenheit und Unberechenbarkeit. Mit Julius Kühn, Andreas Schröder, die den Abgang von Barna Putics auf der „Königsposition“ mehr als kompensierten, Mark Bult und Florian von Gruchalla übertraf vier weitere Angreifer die 100-Tore-Marke. Und die gute Arbeit von Kurtagic, der erstmals mit dem einstigen Kreisläufer Jörg Lützelberger einen Co-Trainer an seiner Seite hatte, wird auch dadurch deutlich, dass eben die beiden Neuzugänge Julius Kühn (22) und Simon Ernst (21), die aus der 2. und 3. Liga zum VfL kamen, in ihrem ersten Jahr zu A-Nationalspielern reiften.

„Durch die Kooperation mit Ferndorf haben wir noch mehr Möglichkeiten in der Talentförderung.“ (Geschäftsführer Frank Flatten)

Parallel zur Gegenwart, wurden die Planungen für die Zukunft Woche für Woche forciert. Bis Weihnachten wurden bereits alle Spielerverträge, die ausliefen, verlängert. Die Mannschaft bleibt komplett zusammen und wird sogar noch mit dem 26jährigen deutschen Nationalspieler Evgeni Pevnov (Füchse Berlin) am Kreis verstärkt. Weitere Möglichkeiten eröffnet die Kooperation mit dem Zweitligisten TuS Ferndorf, wo der VfL in der nächsten Saison unter anderem den ehemaligen Junioren-Nationalspieler Florian Baumgärtner (kommt vom FC Barcelona) „parkt“ und mit einem Zweitspielrecht ausstattet. Ein weiteres wichtiges Modell für die Zukunft, denn auch der lange verletzte Andreas Heyme wird dort Spielpraxis sammeln können. „Dadurch haben wir noch mehr und neue Möglichkeiten im Bereich der Talentförderung. Wir sind sehr froh über die Kooperation“, freut sich Flatten.

Die SCHWALBE arena

Bereits in der Saison 2013/2014 konnte der VfL die „rote Laterne“ beim Zuschauerschnitt mit Hilfe der neuen Halle eindrucksvoll ablegen und den kalkulierten Schnitt von 2.500 Besuchern pro Spiel deutlich (3.581) übertreffen. Der Grundstein war gelegt, der nächste Schritt sollte folgen. Allen Verantwortlichen war allerdings auch klar, dass es nicht einfach war, diesen Premierenschnitt zu bestätigen, schließlich ist der „Reiz des Neuen“ oftmals schnell verflogen, wenn die Leistungen und Resultate nicht stimmen. Dem beugte die junge VfL-Truppe aber vor, denn sie lebte die Begeisterung vor. In jeder Partie, völlig unabhängig vom Ergebnis, merkte man den Jungs an, dass sie Spaß am VfL haben und alles für ihre Fans und den Club geben. Das Resultat: Sechs Partien waren restlos ausverkauft, und der Schnitt aus dem ersten Jahr im neuen Gummersbacher Handball-Tempel konnte mit 3.585 Besuchern sogar noch einmal leicht gesteigert werden.

Die Medienpräsenz

In Gummersbach ist der „neue VfL“ also längst mehr als angekommen, aber wie sieht es außerhalb der oberbergischen Kreisstadt aus? In diesem Bereich gibt die monatlich erstellte Medienanalyse der DKB Handball-Bundesliga eine detaillierte Antwort. Der VfL boomt! Bereits Ende 2014 wurde Handball-Deutschland vermehrt auf die jungen Wilden aus dem Oberbergischen aufmerksam und berichtete über fünf Stunden vom VfL. Nach der WM-Pause ging es dann beflügelt weiter.

Bundesliga-Medienanalyse: „VfL Gummersbach erreicht mehr als 6 Millionen Zuschauer pro Monat“

Im Februar waren es bereits über zehn Stunden Berichterstattung, der VfL erreichte unglaubliche 5,7 Millionen Zuschauer und belegte damit in den Ranglisten hinter dem SC Magdeburg den zweiten Platz – noch vor den Ligaspitzen aus Kiel und Mannheim. In den folgenden beiden Monate März und April konnte sich der VfL sogar über eine Reichweite von mehr als sechs Millionen Zuschauern freuen und stabilisierte sich konstant unter den Top drei der Liga in diesem Segment. Ein eindeutiger Beweis für das positive Image der Gummersbacher und die überregionale Wertschätzung der Blau-Weißen.

Die Macher

„Die sportliche Entwicklung beim VfL gleicht einem Quantensprung, wenn man bedenkt, dass wir 2013 mit nur 16 Punkten in der Liga geblieben sind und diese Saison mit 34 Punkten abschließen. Ich bin stolz auf die Mannschaft und den Trainer. Ich bedanke mich bei allen Beteiligte, die zu diesem Erfolg beigetragen haben, den Gesellschaftern, dem Beirat, den Sponsoren und Mitarbeitern und natürlich bei unseren tollen Fans“, bilanziert Frank Flatten, der vor über zwei Jahren diese Herkulesaufgabe in Gummersbach antrat. Neben der positiven sportlichen Entwicklung, ist auch wirtschaftlich mehr Ruhe eingekehrt.

„Die sportliche Entwicklung gleicht einem Quantensprung.“ (VfL-Geschäftsführer Frank Flatten)

Zum ersten Mal seit vielen Jahren erhielt der VfL Gummersbach für die Saison 2015/16 von der HBL die Bundesligalizenz im ersten Anlauf – ohne Nachbesserungen und Bedingungen. Zwar drücken den Altmeister derzeit immer noch rund zwei Millionen Altlasten, aber innerhalb von knapp drei Jahren ist es den Verantwortlichen im Beirat um den Vorsitzenden Götz Timmerbeil, den Gesellschaftern sowie Geschäftsführer Frank Flatten gelungen, die Schuldenlast von rund 4,5 Millionen Euro um mehr als die Hälfte zu reduzieren. Hinzu kam, dass das VfL-Umfeld in jeder Phase der Saison Mannschaft und Vereinsverantwortliche unterstützte und die kollektive Ruhe und Geschlossenheit symbolisierte.

Ein weiteres Highlight: Erstes Herren-Länderspiel in Gummersbach

Am 29. Oktober 2014 feierte Gummersbach zudem einen historischen Tag. Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Finnland in der ausverkauften SCHWALBE arena war das erste Herren-Länderspiel überhaupt im Oberbergischen, und selbst der damalige DHB-Präsident Bernhard Bauer präsentierte sich schier euphorisch: „Die Halle hat eine hervorragende Größe und ein enthusiastisches Publikum. Der VfL hat alle Voraussetzungen, um wieder an seine glorreichen Zeiten anknüpfen zu können.“ Neben der tollen Handball-Arena ist es auch der angrenzende Business-Bereich in der Halle 32, der die DHB-Verantwortlichen begeisterte und die Gummersbacher Halle als idealen Standort für weitere Länderspiele prädestiniert.

„Der VfL hat alle Voraussetzungen, um wieder an seine glorreichen Zeiten anknüpfen zu können.“ (DHB-Präsident Bernhard Bauer)

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