Der Rekordmeister kommt – Wiedersehen mit Santos

Vor dem Heimspiel am kommenden Samstag gegen den Rekordmeister THW Kiel sind beim VfL Moral und Kampf sowie eine geringe Fehlerquote gefragt.

VfL – THW Kiel (Samstag, 19 Uhr, SCHWALBE arena).

Wenn der deutsche Rekordmeister – und das absolut dominierende Team der DKB-Handball-Bundesliga der letzten Jahre – zu Gast in Gummersbach ist, dann dürfte die Frage nach dem klaren Favoriten schnell beantwortet sein. Zwar musste der THW Kiel in der vergangenen Saison beim Kampf um die deutsche Meisterschaft den Rhein-Neckar-Löwen den Vortritt überlassen, aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass die Schützlinge des ehemaligen Gummersbach-Trainers Alfred Gislason die Bundesliga im vergangenen Jahrzehnt (seit der Saison 2004/05 wurde die Titelsammlung nur durch den HSV Hamburg 2010/11 und eben die Rhein-Neckar-Löwen unterbrochen) fast nach Belieben beherrschten.

Und in der laufenden Saison wollen die „Zebras“ unter Beweis stellen, dass der verpasste Titel in der vergangenen Saison, der zudem zum Teil auch dem großen Verletzungspech geschuldet war, nur ein Ausrutscher war. Apropos Ausrutscher: Zwei Spieltage vor Beendigung der Hinrunde haben sich die Kieler in der laufenden Meisterschaftsrunde erst eine überraschende Niederlage (24:27 bei der HSG Wetzlar) geleistet und bilden zusammen mit der SG Flensburg-Handewitt und den Rhein-Neckar-Löwen mit je 28:2 Zählern das punktgleiche Spitzentrio.

„Natürlich sind wir klarer Außenseiter, und die Kieler gefallen mir in dieser Saison spielerisch sogar noch deutlich besser als in der Vorsaison“, erklärt VfL-Trainer Emir Kurtagic, der bei der Spielerauswahl der Schwarz-Weißen Duvnjak, Wiencek & Co. schon einmal leicht ins Schwärmen gerät. „Wir müssen alles in die Waagschale werfen und über den Kampf und die Moral ins Spiel kommen“, so der Trainer, der unter der Woche mit dem Ausfall erkrankter Spieler zu kämpfen hatte. Bis Samstag hofft er aber auf deren Genesung, und auch Mark Bult wird wohl wieder zur Verfügung stehen.

Zudem ist die Halle ausverkauft und die Zuschauer werden ihren VfL sicherlich wieder frenetisch unterstützen, während der VfL auswärts zuletzt nicht überzeugen konnte. „In Minden haben wir teilweise haarsträubende Fehler im Angriff gemacht. Das können wir uns gegen Kiel noch nicht einmal im Ansatz erlauben“, so Kurtagic, der sich auch auf das Wiedersehen mit Raul Santos freut: „Er ist ein guter Junge und hatte einen sehr hohen Stellenwert bei uns, sowohl sportlich als auch menschlich.“

Die Kieler konnten sich am heutigen Abend bereits beweisen und zogen mit einem 29:23 (14:14)-Erfolg beim Zweitligisten TSG Friesenheim einmal mehr ins Hamburger Pokal Final Four ein. Zur Erinnerung: Friesenheim schaltete in der zweiten Runde unseren VfL überraschend aus, und am heutigen Abend bewiesen sie auch, dass dies keine Eintagsfliege war. Gegen den Rekordmeister führten sie fast die komplette erste Hälfte. Erst kurz vor der Pause konnte Kiel egalisieren, und der Klassenunterschied war erst nach dem Wechsel erkennbar.

Zuvor tankte die Gislason-Truppe bereits mit dem 28:24-Heimerfolg in der Bundesliga gegen den SC Magdeburg Selbstvertrauen. Allerdings gerieten die Kieler nach der souveränen 17:8-Pausenführung gegen den amtierenden DHB-Pokalsieger von der Elbe nach dem Seitenwechsel teilweise noch in Schwierigkeiten, ehe der letztlich doch ungefährdete 28:24-Sieg unter Dach und Fach war. Dass die „Zebras“ zwischenzeitlich mal ihre Konzentration verloren, mag auch an der schweren Verletzung, die sich Steffen Weinhold schon in der ersten Halbzeit zugezogen hatte, gelegen haben. Der Linkshänder, der schweren Herzens auch schon die WM Anfang 2017 in Frankreich absagen musste, zog sich einen Riss des vorderen Syndesmosebandes im rechten Sprunggelenk zu und wird voraussichtlich mehrere Monate pausieren müssen.

Aber – im Gegensatz zu vielen anderen Bundesligisten – verfallen die Kieler Verantwortlichen deshalb nicht in hektische Aktivitäten auf dem Transfermarkt, denn mit dem Serben Marko Vujin und Rückkehrer Christian Zeitz, der vom ungarischen Abonnementmeister MKB Veszprem an die Förde heimkehrte, verfügen die Kieler weiterhin über zwei wurfgewaltige Linkshänder im Rückraum. Überhaupt sind die Kieler, die vor dieser Saison einen Umbruch und einen erheblichen Verjüngungsprozess in ihrem Kader vollzogen haben, auf jeder Position mit mindestens zwei Topspielern besetzt. Es hieße sicherlich „Eulen nach Athen“ tragen, wollte man an dieser Stelle die Stärken aller THW-Akteure aufzählen. Dennoch, einige Positionen verdienen es schon, näher betrachtet zu werden. Da ist zunächst die Torhüterposition. Nach dem Zugang von Nationaltorhüter Andreas Wolff bildet der EM-„Held“ zusammen mit dem Dänen Niklas Landin nicht nur das beste Torhütergespann in der Bundesliga, sondern eine solch geballte Klasse zwischen den Pfosten findet man auch bei keinem anderen Champions-League-Teilnehmer.

Auch im Rückraum der Kieler, in dem der lange verletzte Christian Dissinger am vergangenen Wochenende gegen Magdeburg sein Comeback feierte, hat Alfred Gislason die Qual der Wahl, denn neben Vujin, Zeitz und Dissinger stehen ihm mit dem kroatischen Weltklassespieler Domagoj Duvnjak, der speziell in engen Spieler immer noch den Unterschied ausmacht und der der Dreh- und Angelpunkt im THW-Angriff (und auch in der Abwehr) ist, und den beiden hochtalentierten Neuerwerbungen Lukas Nilsson und Nikola Bilyk weitere Akteure zur Verfügung, die an guten Tagen jeder für sich ein Spiel allein entscheiden können. Und der junge Schwede Nilsson (20) und das ebenfalls erst 20 Jahre alte österreichische „Jahrhunderttalent“ Bilyk haben im bisherigen Saisonverlauf die ohnehin schon hohen Erwartungen in Kiel weit übertroffen.

Aber auch auf den Außenpositionen kann Alfred Gislason auf jeweils zwei Klassenangreifer zurückgreifen. Während der Schwede Niclas Ekberg auf Rechtsaußen (vor Christian Sprenger) die klare Nummer eins ist, kämpfen das Kieler Eigengewächse Rune Dahmke und der Ex-Gummersbacher Raul Santos um die Spielanteile auf dem linken Flügel. Und am Kreis ist mit Patrick Wiencek ein weiterer ehemaliger VfL-Spieler längst zu einem weiteren Leistungsträger im THW-Starensemble avanciert. Zwar fällt Kreisläufer Rene Toft Hansen neben Weinhold ein weiterer wichtiger Baustein im Puzzle von Alfred Gislason aus, aber neben Wiencek hat der isländische Meistercoach mit dem Kroaten Illja Brozovic einen weiteren Klassemann auf der Kreisläuferposition zur Verfügung.

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