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Carsten Lichtlein (34) im Interview

„Man sollte sich nie zu sicher sein”
Das zweite TV-Livespiel in Folge führt den VfL Gummersbach zum TBV Lemgo. Nur mit einem Auswärtssieg käme der VfL seinem Saisonziel – dem einstelligen Tabellenplatz – wieder ein gutes Stück näher. Vor dem Auswärtsspiel im Ostwestfälischen am kommenden Sonntag (Anwurf 15.00 Uhr, live bei SPORT1 ab 14.55 Uhr) baten wir Nationalkeeper Carsten Lichtlein zum Interview. Der 35-jährige Torhüter, Weltmeister 2007 und Europameister 2004, und „Oldie” der jungen Gummersbacher Mannschaft, sieht den noch ausstehenden fünf Begegnungen bis zum Saisonende sehr zuversichtlich entgegen.

Sechs Punkte Polster zum Abstiegsplatz: Muss man sich in dieser Saison doch noch Sorgen um den VfL Gummersbach machen?

Carsten Lichtlein: Sorgen muss man sich nicht machen, aber es ist – ohne schwarz sehen zu wollen – rechnerisch noch vieles möglich. Wir haben sechs Punkte Vorsprung bei noch fünf ausstehenden Spielen. Das heißt, es geht insgesamt noch um zehn Punkte. Man sollte sich nie zu sicher sein. Aber wir haben eine richtig gute Ausgangsposition. Allerdings muss man auch sagen, dass ein Absteiger noch nie so viele Punkte hatte wie in dieser Saison.

Im Gegensatz zur Hinrunde tut sich der VfL in der Rückrunde ein wenig schwerer. Woran liegt das?

Lichtlein: Wir sind ganz einfach wieder auf dem Boden der Realität. Die Hinrunde war aus Gummersbacher Sicht schon eine Sensation. Wir haben viele schwere Spiele knapp gewonnen. Da ist einiges optimal gelaufen. Ganz ehrlich: Damit war vor Saisonbeginn nun wirklich nicht zu rechnen. In der Rückrunde hingegen fehlt uns so ein wenig die Leichtigkeit der ersten Saisonhälfte. Wir tun uns schwer in der Chancenauswertung und machen im Spiel selbst einfach zu viele Fehler. Das kommt bei Außenstehenden manchmal rüber wie Selbstzufriedenheit.

Aber der VfL kann doch mit der Zwischenbilanz von 28 Punkten aus 31 Spielen zufrieden sein…

Lictlein: Zufrieden? Wir wollten besser sein als in der Saison zuvor. Das wird uns wohl auch gelingen. Und hätte mir das vor der Saison jemand gesagt, ich hätte das sofort gekauft. Jetzt aber, nach dieser fantastischen Hinrunde, bin ich gegenwärtig nicht mehr zufrieden. Wir könnten längst mehr als 30 Punkte haben.

Das Match gegen Lemgo ist Teil eines schweren Restprogramms für den Klub. Unter anderem kommt noch der THW Kiel nach Gummersbach, und der VfL muss noch nach Hamburg. Wie realistisch ist da das Saisonziel „einstelliger Tabellenplatz”?

Lichtlein: Es wird schwer, das noch zu erreichen, aber ich bleibe optimistisch. Dazu müssten wir mindestens vier bis sechs Punkte aus den letzten fünf Begegnungen holen. Das ist nicht unmöglich, aber dazu müssen wir uns noch einmal richtig ins Zeug legen. Wir werden jedenfalls alles dafür geben.

Wie wichtig wäre in diesem Zusammenhang ein Erfolg in Lemgo?

Lichtlein: Das wäre immens wichtig. Aber jeder kann ja an der Tabelle ablesen, wie es dem TBV zurzeit geht. Unser abstiegsbedrohter Gegner wird kämpfen bis zum Umfallen. Und das auch noch in einem Hexenkessel wie der Lipperlandhalle.

Sie selbst spielten bis 2013 für den TBV Lemgo. Wird das ein ganz besonderes Spiel für Sie am Sonntag?

Lichtlein: Ich freue mich auf meine Rückkehr, aber ich bin auch Profi genug, um das für die Zeit des Spiels auszublenden. Ich habe acht wunderbare Jahre in Lemgo gespielt und verfolge die Entwicklung des Klubs noch immer intensiv. Ein Teil meines Herzens ist noch immer dort. Insofern mache ich mir natürlich Sorgen um den TBV. Es kann sich doch keiner wirklich vorstellen, dass Lemgo plötzlich in der 2. Liga spielt.

Was war ausschlaggebend für ihren Wechsel vom TBV Lemgo zu den Oberbergischen?

Lichtlein: Es waren zwei Dinge. Zum einen hat mich das von Frank Flatten erarbeitete Konzept voll überzeugt. Er hat mir in einem Gespräch die Situation mit der jungen Mannschaft und mit der neuen Halle erläutert. Das klang ziemlich plausibel. Und, wie man sieht, passt das ja auch. In seinem Gesamtkonzept sollte ich Führungsspieler sein. Zudem war mein Wechsel auch der Situation in Lemgo geschuldet. Ich hatte dort noch einen laufenden Vertrag, der Klub aber kein Geld mehr, um mich zu bezahlen. Und dann lag der Wechsel zum VfL nahe, weil Flatti sich schon seit Monaten um mich bemüht hatte. Er hat mich letztlich überzeugt. Und bereut habe ich es bislang noch keine Sekunde.

Mit Ihren 34 Jahren gehören Sie zu den erfahreneren Kräften im Kader des VfL. Tragen Sie ein erhöhtes Maß an Verantwortung?

Lichtlein: Dafür hat mich Flatti schließlich geholt. Wir haben jede Menge junge Spieler. Für Simon Ernst oder Julius Kühn beispielsweise ist das jetzt die erste Bundesligasaison. Da kann dann eben auch nicht alles gut gehen. Aber zumindest auf das Abwehrspiel der Mannschaft kann ich intensiv Einfluss nehmen.

Ans Aufhören denken Sie noch lange nicht. Mit der Nationalmannschaft wollen Sie 2016 nicht nur zur EM nach Polen, sondern auch zu den Olympischen Spielen nach Rio. Wie stehen die Chancen?

Lichtlein: Die Qualifikation zur Europameisterschaft in Polen im Januar des nächsten Jahres ist bislang ganz gut gelaufen. Nach zwei von sechs Spielen haben wir 4:0 Punkte. Vor allem der Auswärtssieg in Österreich war für uns ein Big Point. Die Olympia-Qualifikation findet erst im April 2016 statt. Unsere Gegner sind bislang noch unbekannt und werden auch erst nach der EM feststehen. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir an beiden Großturnieren teilnehmen werden.

Wäre die Olympiateilnahme so etwas wie die Verwirklichung Ihres Lebenstraumes?

Lichtlein: Nachdem ich bislang immer nur Zaungast bei Olympia war, beantworte ich Ihre Frage mit einem klaren „Ja”! Und das ohne Wenn und Aber…

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