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Auf zur Fuchsjagd

Wenn der amtierende Vereins-Weltmeister und EHF-Cupsieger beim Tabellenneunten antritt, dann ist normalerweise die Frage nach dem Favoriten schnell beantwortet. Aber beim VfL Gummersbach denkt man vor dem Gastspiel der Füchse Berlin in der SCHWALBE arena nicht daran, die Punkte den Gästen von der Spree, die zu Saisonbeginn die gesamte Handball-Fachwelt durch den Gewinn der Vereinsweltmeisterschaft (u.a. Siege gegen den Champions-League-Sieger FC Barcelona und den ungarischen Topklub KC Veszprem) überraschten, kampflos zu überlassen. Ganz im Gegenteil. „Wir möchten durch einen Heimsieg bis auf einen Punkt zu Berlin aufschließen“, gibt sich VfL-Geschäftsführer Frank Flatten kämpferisch.

Und auch Trainer Emir Kurtagic erwartet ein Spiel auf Augenhöhe: „Durch den Heimvorteil sehe ich die Chancen bei 50:50. Wir spielen zu Hause und wollen unseren Fans ein tolles Spiel bieten, idealerweise gekrönt mit zwei Punkten.“ Respekt hat der Gummersbacher Übungsleiter dennoch vor den Gästen aus der Hauptstadt: „Sie haben eine sehr erfahrene Mannschaft, gespickt mit internationalen Stars. Sie verteidigen gut, haben zwei starke Torhüter und natürlich auch eine hohe Qualität im Angriff.“ Aber Bangemachen gilt nicht, denn der VfL hat in den letzten Tagen und Wochen einmal mehr auf sich aufmerksam gemacht. „Wir haben unsere Pflichtaufgaben erfüllt. Gegen Berlin haben wir nichts zu verlieren“, so Kurtagic, der den Zuschauer in der SCHWALBE arena eine weitere couragierte und engagierte Leistung von der ersten Minute an verspricht: „Gegen Berlin braucht man schon eine gute bis sehr gute Leistung, um überhaupt etwas zu holen.“ Personell hat Kurtagic bis auf den Langzeitverletzten Raul Santos alle Kaderspieler an Bord, so dass die Vorzeichen für ein weiteres Handballfest in der SCHWALBE arena durchaus gut stehen.
Tatsächlich verspricht ein Blick auf die Tabelle – die Füchse rangieren mit 27:17 Punkten auf dem 5. Tabellenplatz, der VfL mit 24:20 Punkten auf Platz 9 – einen Kampf auf Augenhöhe, bei dem die bessere Tagesform wohl den Ausschlag geben dürfte. Dass die Jungs von VfL-Cheftrainer Emir Kurtagic den Schützlingen des isländischen Coachs Erlingur Richardsson, der zu Saisonbeginn das schwere Erbe von Nationaltrainer Dagur Sigurdsson antrat, durchaus Paroli bieten können, haben sie bereits im Hinspiel in der Berliner Max-Schmeling-Halle bewiesen. Zwar behielten damals die Füchse durch ein 26:24 beide Punkte an der Spree, aber in der Schlussphase war der VfL nahe an einem Punktgewinn, den aber einige umstrittene Schiedsrichterentscheidungen vereitelten.
Allerdings, muss man konstatieren, dass die Füchse in der Hinrunde von großem Verletzungspech gebeutelt waren. Denn mit dem Ex-Gummersbacher Paul Drux und Rechtsaußen Matthias Zachrisson waren zwei Leistungsträger nach langwierigen Schulterverletzungen in der Hinrunde komplett außer Gefecht gesetzt worden. Inzwischen gehen Drux und Zachrisson beide wieder für die Füchse auf Torejagd. Damit aber nicht genug: Die Füchse-Verantwortlichen um Manager Bob Hanning haben in der EM-Pause noch eine spektakuläre Neuverpflichtung getätigt: Aus der Insolvenzmasse des HSV Hamburg wurde der dänische Rechtsaußen Hans Lindberg verpflichtet. Lindberg hat zwar verständlicherweise noch einige Anlaufschwierigkeiten in Berlin, aber über die Torjägerqualitäten und seine Treffsicherheit vom Siebenmeterpunkt des dänischen Internationalen muss man keine großen Worte verlieren. So rangiert Lindberg immer noch auf Platz zwei der Bundesliga-Torschützenliste, die von seinem neuen Vereinskameraden Petar Nenadic mit 175 Toren angeführt wird.
Nenadic war auch am vergangenen Samstag bei der 21:26-Auswärtsniederlage beim THW Kiel mit sechs Toren erfolgreichster Berliner Werfer. Dass es am Ende für die Berliner nicht zu einer Überraschung in der Kieler Sparkassen-Arena reichte, lag hauptsächlich an THW-Torhüter Niklas Landin, der gleich reihenweise beste Chancen der Füchse vereitelte. Allerdings stand ihm Silvio Heinevetter kaum nach. Überhaupt ist der Formanstieg des Nationaltorhüters, der zuvor meist im Schatten des Tschechen Petr Stochl stand, in den letzten Spielen unverkennbar. Offensicht will der extrovertierte Heinevetter, der von seinem früheren Vereinstrainer Dagur Sigurdsson überraschend nicht für die EM in Polen nominiert worden war, den Platz im Tor der deutschen Nationalmannschaft nicht kampflos räumen. Auf das Duell Carsten Lichtlein kontra Silvio Heinevetter, die bei der WM 2015 in Katar noch das deutsche Torhütergespann gebildet hatten, darf man also gespannt sein.
Ein Wiedersehen gibt es im Übrigen für die VfL-Fans auch mit dem Kroaten Drago Vukovic, der zu Saisonbeginn vom TuS N/Lübbecke in die Bundeshauptstadt wechselte und auf Anhieb zu einem wichtigen Faktor im Team von Füchse-Trainer Richardsson wurde. Und mit Fabian Wiede, der immerhin vor dem Ex-Wetzlarer Torjäger Kent-Robin Tönnesen die klare Nummer eins auf der halbrechten Rückraumposition ist, kommt auch ein frischgebackener Europameister in die SCHWALBE arena.

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